Österreich ist meine Komfortzone. Dieses Land, in dem ich aufgewachsen bin, ist für mich ein Wohlfühlfaktor. Und anderswo? Lockt stets das Unbekannte. Reisen kann bis heute mit einer unberechenbaren Portion Zufall aufwarten. Es erfordert den Mut, Neues zu wagen um den Raum hinter der Komfortzone zu entdecken. Für mich war das der Anlass für ein ambitioniertes Ziel: An meinem 30. Geburtstag mindestens 30 unterschiedliche Länder besucht zu haben.

    Im Sommer 2015 war ich ein Schiff ohne Ruder. Nach unserer gemeinsamen großen Reise, die drei Monate lang durch Singapur, Neuseeland, Australien und Fidschi geführt hatte, lautete die große Frage: Und jetzt?Vogelfrei!

    Ziele geben nur eine Richtung vor, Hindernisse entlang des Weges inklusive. Ob am Ende exakt das ersehnte Ergebnis wartet ist ungewiss. Wichtig war mir, den Raum hinter der Komfortzone weiter zu erkunden.

    Aber für wen macht man das eigentlich?

    Generation #wanderlust

    An dieser Stelle ist jetzt ein bisschen Ehrlichkeit angebracht: Ich bin Teil der Generation #wanderlust. Auch wenn ich mich davor zu bewahren versuche – die Gefahr die schönsten Plätze der Erde vorwiegend mit einem Smartphone in der Hand zu erleben ist groß. Selbst den lange verweigerten Selfie-Stick habe ich mittlerweile im Rucksack, man kann ja nie wissen.

    Letztlich habe ich mich in Thailand dabei ertappt, dass ich zuerst mit einer DSLR, dann mit einer 360 Grad Kamera und am Ende noch mit meinem Smartphone das gleiche Motiv fotografiert habe. Erst danach ist mir der Gedanke gekommen, dass bewusstes Sehen mit eigenen Augen und ein kurzes Innehalten es auch getan hätten.

    Ist Reisen damit zur narzisstischen Inszenierung verkommen? Wer für ein Selfie rechts ranfährt ist ja meist doch nur dort, wo schon tausende andere mit ihren Teleskopstangen in die Linse grinsten. Oder ist das stolze Teilen intensiver Erlebnisse nicht Teil unseres Seins und lediglich das Medium hat sich geändert?

    Bei Reisen sollte es immer zuerst um das Erleben und erst dann um’s Teilen gehen. Nicht jeder Moment muss für die Nachwelt konserviert und für möglichst viele Likes aufbereitet werden. Denn nirgendwo sonst kann man dem Verstand eine bessere Pause verschaffen. Der Verstand, der sich immer aus Erfahrungen der Vergangenheit speist. Oder sich Wünsche für die Zukunft zusammenreimt. Nichts davon existiert in der Gegenwart.

    Wenn du im Moment ankommst, ist der Verstand stumm – weil es für ihn nichts zu tun gibt.

    Und genau deswegen ist die Antwort auf die vorhin gestellte Frage („Für wen macht man das eigentlich?“): Für mich.Ausblick auf Porsmörk

    30 unter 30

    Ich wollte meine Reiseleidenschaft weiter vertiefen, die Welt besser kennenlernen. So nahm der Gedanke Gestalt an, so viele Länder wie möglich zu besuchen.

    Einmal, zweimal, dreimal nachgezählt hielt ich 2015 bei 23 besuchten Ländern. In knapp mehr als einem Jahr wollte ich also noch sieben weitere Nationen besuchen um die 30 zum 30. Geburtstag vollzumachen. Neben einem Vollzeitjob war das ambitioniert aber machbar.

    Dabei galt es drei einfache Spielregeln zu beachten:

    1. Umsteigen am Flughafen, Wartezeit am Bahnhof oder über die Autobahn brettern gelten nicht als Aufenthalt
    2. Eine Übernachtung muss im jeweiligen Land mindestens sein
    3. Ein Land zählt nur einmal, ein bereits besuchtes Land ist nicht Teil der Zählung. Immerhin geht es darum, 30 unterschiedliche Staaten zu besuchen.

    Schon früh merkte ich, dass das Ziel mich motivierte. Mein erster Trip führte mich damals nach Stockholm, Schweden.

    Aus Zeitgründen musste ich alleine reisen und kam mit zwei Erkenntnissen wieder nach Hause:

    • Ich wollte mein Ziel unbedingt erreichen.
    • Ich wollte nur noch alleine reisen, wenn es unbedingt sein musste.

    Da wären wir wieder beim Teilen von Erlebnissen. Begeisterung wird mehr, wenn man gemeinsam erlebt. Wohl einer der Gründe, warum wir so gerne als Paar unterwegs sind.Selfie am Hoffellsjökull

    Nach dem Städtetrip folgte eine Woche Marokko zu Silvester mit Marrakesch und Aufenthalt in der kalten, wunderschönen Wüste. Danach die Niederlande, Luxemburg, Island, die Slowakei und – last but not least – Irland im Oktober. Die 30 Länder unter 30 waren knapp aber doch geschafft.

    Und die Moral von der Geschichte? Ich bin so viel gereist wie noch nie und doch habe ich mich kein bisschen anders gefühlt. Der irische Zollbeamte hat sich auf Nachfrage im Pass verewigt und dann habe ich vergeblich auf die unglaublichen Glücksgefühle gewartet.

    Aber Moment: Selbst nach meinem 30. Geburtstag war ich noch so in Schwung, dass zwei weitere Destinationen für 2016 hinzukamen: Finnland und Thailand. Am Ende habe ich realisiert, dass die Entdeckung jedes Landes mir Spaß gemacht hat. Dass Erinnerungen entstanden sind, die ich auf keinen Fall missen möchte.

    Da war das Glück zu Hause. Ich hatte den Weg mehr genossen als das Resultat.

    Immer unterwegs. Manchmal im Moment. Dort, wo der Verstand stumm ist.