Marokkanischer Minztee schmeckt nach Freundschaft, Familie und Tradition. „Next time you come, we drink mint tea“, meinte der Händler im Kräuterladen der Medina von Marrakesch, als er konzentriert am Taschenrechner tippte. Wir haben einander schelmisch belogen, dabei freundlich gelächelt, jederzeit mit abruptem Abschied kokettiert. Schließlich sind Preisverhandlungen – ‚Bargaining‘ – Volkssport Nummer eins in den Marrakesch-Souks. Aber eine Einladung zum Tee, die ist immer ehrlich gemeint.

    Hier, im Kräuterladen, begann unser Streifzug durch die Medina von Marrakesch. Eine Reise, bei der wir das Herz dieser alten Stadt erforschen würden.

    Selfie in der Medina von Marrakesch

    Dabei wollte sich der Laden des Kräuterhändlers, an einer Straßenecke der Medina nahe am Jemaa el Fna gelegen, eigentlich so gar nicht in den vorherrschenden Shabby-Chic von Marrakesch einfügen. Zu groß, zu sauber, zu poliert wirkte er. Und das, obwohl sich die hauseigene Arganöl-Produktion bereits über drei Generationen erstreckt. Schon der Großvater hatte, wie uns der Händler erzählte, im Atlas-Gebirge Öl gepresst. Gesammelt und verarbeitet hat er die Arganmandeln wohl nicht, weil das in Marokko schon immer Frauensache war.

    Marrakesch: Eine Königsstadt islamischer Prägung

    Das Königreich Marokko ist ein Land islamischer Prägung. Das wird in der alten Stadt Marrakesch immer dann spürbar, wenn das „Allāhu akbar“ der Muezzine blechern aus Lautsprechern durch die Gassen tönt. Fünf Mal pro Tag verschwinden daraufhin die Gläubigen in den Moscheen, zu denen Nicht-Muslime keinen Zutritt haben. Bestenfalls ein kurzer Blick durch eine geöffnete Tür in den meist mit prächtigen Ornamenten verzierten Innenraum ist möglich. In der Moschee wird ebenfalls nach Geschlecht getrennt und das scheint alle Lebensbereiche zu prägen, nicht nur die Arganölproduktion.

    Nichtsdestotrotz prägen Frauen, genauso wie Männer und Katzen (dazu später mehr) das Stadtbild von Marrakesch. Wohl auch, weil es hier deutlich liberaler zugeht als in anderen Gegenden. Sie fahren auf ihren Mopeds, sie feilschen noch härter als die Männer und geben nie auf, wenn es darum geht, sich mit Henna-Tattoos auf willigen Frauenhänden zu verewigen. Als Madonna diesen Körperschmuck Ende der 90er im Westen salonfähig machte, wies keiner darauf hin, dass die Bemalung bis zu drei Wochen hält. Heute wissen das selbst ihre größten Fans.

    Im Herzen der Medina

    „Fiiivvve Dirrhammm, fiivvve Dirrhammm!“, raunte die ganz in grün gekleidete Frau auf der Place Rahba Kedima den Passantinnen (Männer vermied sie aus offenkundigen Gründen) entgegen. Das klare Desinteresse nagte sichtbar an ihr. Aber es war ja auch noch früh am Morgen, mitten im Herzen der Medina.

    Auch für die hungrigen Katzen, die in Marrakesch allgegenwärtig sind. Sie sind die heimlichen Herrscher über die Souks. Als wären sie in kleinen Banden organisiert, streichen sie zu zweit oder zu dritt über die Dächer, machen es sich auf Mopeds gemütlich und betteln, gerade zu Essenszeiten, in den Restaurants. Das Frühstück im Café, das einen weiten Blick auf den Platz bietet, gehörte schon nach kurzer Zeit nicht mehr mir alleine.

    Auf den kleinen Marktständen direkt hinter der Henna-Malerin gelegen, wurde eine riesige Vielfalt an frischem Gemüse angeboten. In den kleinen Läden, die den annähernd rechtwinkeligen Platz umsäumten, gab es vom gerade eben geschnitzten Schachbrett, über Gewürze aus den entferntesten Ecken des Landes, bis hin zu lebendigen Chamäleons alles zu kaufen.

    Crystal Mint und ein Chamäleon

    Wer sich einem der Läden nähert, muss immer auf Überraschungen gefasst sein. Das man offensiv angesprochen wird ist schon nach kurzer Zeit keine mehr. Dass man, einen Käfig mit einem lebendigen Reptil betrachtend, plötzlich ein kleines Baby-Chamäleon auf der Handfläche balanciert, schon viel mehr. Meine Faszination hatte der Händler natürlich sofort ausgenutzt und in seinem Laden undefinierbare weiße Kristalle mit Wasser übergossen. Flucht, gemeinsam mit einem kleinen Chamäleon? Daran war nicht zu denken. Der Händler näherte sich, in der Hand den Becher mit der eigenartigen Flüssigkeit. „Smell!“, sagt er mit wissendem Grinsen. Wenn dir ein marokkanischer Händler in der Medina von Marrakesch einen Becher ganz nah an die Nase hält und du gleichzeitig ein Chamäleon in deinen Händen hältst, musst du irgendwann atmen.

    „This is Crystal Mint“, hörte ich noch während der stechende Duft mir die Nase freiräumte. Ich brachte noch ein „Maybe later…“ hervor, bevor ich ihm vorsichtig wieder sein Tier aushändigte. „Maybe later, yes, yes“, hörte ich ihn lachend antworten, bevor ich seinen Laden fluchtartig verließ.

    Diese Momente, es sind, jene wo Marrakesch seine Reisenden wild umarmt und sie nicht mehr loslässt. Dieser orientalische, staubige, kontrastreiche Traum aus 1001 Nacht. Wenn das Essen aus der traditionellen Tajine nach Zitronen, Oliven und Thymian duftet. Und kurz darauf in blutig-professioneller Manier eine tote Katze mitten in der Gasse gehäutet wird. Wenn duftende Rosenblüten in den Innenhofpools der Riads schwimmen und kurz nach dem Verlassen ein bettelarmer Bewohner der Medina seine Notdurft an der nächstgelegenen Hauswand verrichtet.

    Dieses authentische Wechselbad der Gefühle reißt mit und übt, dem manchmal aufkeimenden Ekel zum Trotz, eine magische Anziehungskraft aus.

    Ausblick auf die Marrakesch Medina

    Riads in Marrakesch

    Dieser Anziehungskraft sind schon viele Menschen erlegen. Auch jene, die durch ihre Riad-Käufe einen wahren Immobilienboom in der Medina ausgelöst haben. Ganze 1.500 davon soll es in Marrakesch geben. Früher waren Riads traditionell die Behausungen der Altstadt-Bewohner von Marrakesch. Heute sind viele in ausländischer Hand, zu charmanten Hotels umfunktioniert. Charakteristisch für jedes Riad ist der schattige Innenhof. Gerade im Sommer, wo es 50 Grad heiß werden kann, wird jeder Schatten zur kühlenden Oase.

    Der Kontrast zwischen den Gassen der Medina und dem Inneren der Riads könnte größer nicht sein. Draußen, im Gedränge der Souks, ist es laut, staubig, mitunter stinkt es nach Abgasen. Drinnen ist es angenehm ruhig, peinlich sauber und es duftet – fast als würde die Welt da draußen nicht existieren.

    Die Medina und ihr Rhythmus

    Und doch will man sie erkunden, diese Welt da draußen. Diese Welt, die in Marrakesch ihrem ganz eigenen, charakteristischen Rhythmus folgt. Laden sauber putzen, Tee trinken, beten, auf Kunden warten, hie und da ein Schwätzchen mit dem Händler nebenan – schon nach wenigen Tagen lässt man sich mit ganzem Herzen darauf ein.in den Gassen von Marrakesch

    Marrakesch ist nicht die Stadt der großen Sehenswürdigkeiten. Natürlich ist da der angeblich verrückteste Platz Afrikas, der Jemma el Fna, ein paar kleine Museen, wie die sehenswerte Maison de la Photographie de Marrakech oder die alte Koranschule Ben Youssef Madrasa. Aber am Ende ist es die Medina und die Menschen die darin leben, die für die unvergleichliche Atmosphäre sorgen.Chaos in der Medina

    Als wir am Tag der Abreise den Laden des Kräuterhändlers noch einmal betraten, rechneten wir nicht damit, wiedererkannt zu werden. Mit einer freudigen Umarmung und einem „So nice you are back“ wurden wir eines Besseren belehrt. Youssef, so sein Name, verfeinerte den Minztee mit Oregano. Mit „Next time you come back, you are family“, sagte er uns auf Wiedersehen.