Die Reifen gruben sich tiefer in den kühlen Sand der Sahara, während Ali geduldig versuchte, seinen Toyota aus der Misere zu lenken. Wir steckten fest – mitten in den Weiten der roten Sanddünen Marokos. Ali, unser Fahrer während des Wüsten-Trips, wusste eigentlich wie man sich auf Sand bewegt. Schließlich wuchs er als Nomade auf. Als Kind hütete er Schafe, heute seinen Land Cruiser. Doch selbst ein stolzer Berber wie er muss der Natur von Zeit zu Zeit Tribut zollen – und das ist in Marokko mehr Business as usual als ein ungewöhnliches Ereignis. Denn Marokko ist ein Ort der Extreme: Die raue Schönheit der Wüste, deren Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht gerade im Winter gut und gern 25 Grad betragen können, zeigt das nur allzu deutlich. Das macht es schwer vorstellbar, wie Menschen hier Tag für Tag in Einklang mit der Natur leben.

    Das Kennenlernen der Lebensweise der Nomaden war ein Fixpunkt unseres Marokko-Trips. Und beim Besuch einer Nomadenfamilie in der Sahara ist mir klar geworden, warum reisen das Leben so bereichert.

    Ein Ritt durch die Dünen

    Wir haben drei Tage im Desert Luxury Camp in der Erg Chebbi nahe der algerischen Grenze verbracht. Nach der ersten (kalten) Nacht brauchte es beim Frühstück mehrere Tassen heißen Tee, um wieder einigermaßen auf Temperatur zu kommen.

    Am Eingang zum Camp warteten da schon zwei Kamele auf uns. Ladchan und Lasshab würdigten uns keines Blickes und harrten stolz der Dinge. Ein Ausflug hoch zu Kamel war ein Fixpunkt auf unserer marokanischen Bucket-List. Das Ziel: die Behausung einer Nomadenfamilie.

    mit dem Kamel durch die Wüste

    Wer schon mal auf einem Kamel gesessen hat, weiß, warum die Tiere von den Einheimischen hauptsächlich zum Tragen von Lasten genutzt werden. Kamele sind keine Pferde und die Wüste kein Ponyhof. Während die Tiere mit erhobenem Haupt und gespitzten Ohren durch den Sand glitten wie die Könige, sahen wir wohl ein wenig armselig aus. Was waren wir froh, als nach zwei Stunden endlich das Haus der Nomadenfamilie auftauchte.

    Im Wohnzimmer einer Nomadenfamilie

    Mohammed, der älteste Sohn der Familie hieß uns mit einem festen Händedruck und einem „Salam Aleikum“ willkommen. Er zeigte uns stolz sein Haus, das inmitten der kargen Wüste neun Familienmitglieder beherbergt. Die Wände grob verputzt, der Boden aus trockenem Lehm, verschönert durch selbst gewebte Teppiche. Ein Dach über dem Kopf zu haben war trotzdem nie Mohammeds Traum. Die fortschreitende Wüstenbildung ist der wahre Grund, warum diese Nomaden sesshaft wurden.

    Sesshaft werden, ein Thema, mit dem auch ich so meine Probleme habe. Aber ist Reisen das wahre Leben, wenn man keine Nomadin ist?

    Haus der Berberfamilie

    Das Wohnzimmer der Nomadenfamilie

    Wir saßen am Boden, während wir viel zu viel Essen serviert bekamen: traditionelle Tajine mit Huhn und Reis, Gemüse und selbst gemachtem Brot. Auch wenn es schmeckte, so ganz genießen konnten wir es trotzdem nicht. Ich fühlte mich wie ein Eindringling. So richtig warm wollte es nicht werden, von draußen bließ der Wind durch die offenen Fenster. Vor der Tür wartete Mohammed mit Verwandten und seinen Kinder auf die Frauen der Familie, die noch mit den Ziegen beschäftigt waren. Die Stimmung war kühl und wir hatten keine Ahnung, wie wir uns angesichts der Gastfreundschaft dieser Menschen (richtig) verhalten sollten.

    Mit dem Essen waren wir längst fertig, saßen dennoch unschlüssig am Boden und warteten. Habe ich schon erwähnt, dass es extrem kalt war?

    Die alte Nomadin

    Von einem Moment zum anderen Moment veränderte sich die Stimmung – eine alte Nomadin, offenbar die Mutter von Mohammed, betrat das Haus. Ihre starke Präsenz und Ausstrahlung sprach Bände: Wir waren Willkommen. Eine feste Umarmung, ein Klopfen auf die Schulter und ein herzhaftes Lachen später saß ich neben ihr. Vor uns ein alter Webstuhl, wo sie mir mit flinken Fingern zu zeigen versuchte, wie das Handwerk funktioniert. Sie sprach kein Englisch, ich kein Berberisch. Aber wer braucht Worte, wenn man lachen kann?

    Webstuhl in Marokko

    Sie nahm meine Hand, sah mich mit ihren freundlichen Augen an und bekam einen Lachanfall. Es scheint als wollte sie sagen: „Mädel, sei nicht so schüchtern.“ Langsam taute ich auf, begann zu verstehen, wie schön es diese Menschen trotz der harten Umstände haben… oder? Was weiß ich schon.

    Als Reisende bewegt man sich immer als Fremde in einem Land, egal wie gut man sich vorbereitet hat. Man ist ein Beobachter, der aus dem eigenen Erfahrungsschatz interpretiert und versucht vorgefertigte Ideen durch echte Erkenntnisse zu ersetzen. Doch diese Frau vermittelte mir mehr und wenn ich heute an sie denke, spüre ich noch immer ein Gefühl tiefer Liebe und Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Die Nomadin zeigte mir ihre Kunst am Webstuhl und auch wenn ich mich nicht besonders talentiert anstellte, hatte sie große Freude mit meinen kleinen Fortschritten.

    Diese Begegnungen sind der Grund, warum ich reise. Die Bewusstseinserweiterung durch Momente, wo man nichts erwartet. Diese Erlebnisse bekommst du in Marokko am laufenden Band – wenn du dich darauf einlässt. Nie zu wissen, wohin die Reise führt ist mein größter Ansporn weiterzuziehen.

    Die Wüste hat viel zu bieten, aber nichts zu verschenken. Die Menschen die hier leben wissen das. Und sie wissen das Wenige, das die Wüste zu bieten hat, zu nutzen. Und so schaffte es Ali schließlich mit Steinen, ausgedörrten Gräsern und einer Schaufel den Toyota vom Wüstensand zu befreien. Mit Schwung flogen wir über den Sand hinweg. Adieu Wüste. Wir sehen uns wieder.